21.06.2018 Le-Mont-Dore - Aurillac

  • Posted on: 21 June 2018
  • By: lenel

Am Morgen früh geniesse ich das Frühstück in der freundlichen Pension, dann lade ich den Scooter und fahre zur Talstation der Luftseilbahn Téléférique du Puy-de-Sancy. Mit der ersten Kabine, die hochfährt, fahre ich mit – sie fährt mit zehn Minuten Verspätung ab, da die Mitarbeiter noch beim Morgenkaffee sind. Oben werde ich von dichten Schwärmen von kleinen Fliegen erwartet. Sie sind so dicht, dass sie einem beim Einatmen in den Mund geraten und auch auf den Fotos gut sichtbar sind. Einige Besucher schreckt dies ab, sie bleiben bei der Bergstation der Luftseilbahn. Ich erklimme doch noch die steile Treppe bis zum Gipfel, von wo aus man eine wunderbare Rundsicht auf das ganze Massif Central hat. Ein wenig Schnee klebt noch hie und da an einem Hang. Ich bin in Eile wegen meinem grossen Programm heute, laufe wieder herunter und nehme die nächste Kabine zurück. Ueber kleinste Strässchen fahre ich nach La-Tour-de-l’Auvergne und von dort aus über St. Donat, wo ich anhalte und die kleine, fast romanische (die Bögen des Dachgewölbes sind nicht mehr ganz rund), Kirche besuche. Ich komme durch Montboudif, den Geburtsort von Georges Pompidou und komme nach Condat. Von dort fahre ich die Gorges de la Rhue hinunter. Ich werde sehr enttäuscht. Der Fluss Rhue ist auf einer grossen Strecke durch ein Kraftwerk gestaut und die Gorges sind alles andere als spektakulär. In Fanostre bei Ydes halte ich und esse einen guten, aber enorm teuren Burger zu Mittag. Mein nächster Halt ist in Mauriac, wo ich die Basilique Notre Dame des Miracles besuche. Die romanische, leicht gotische Kirche ist vor allem wegen dem farbigen Taufbecken aus Stein bekannt. Sehr sehenswert ist auch das Hotel D'Orcet (15. Jhdt.). Ich fahre nun weiter bis zum Chateau de la Tremoliere in Anglards-de-Salers. Das Schlösschen kann man besuchen, doch der Besuch enttäuscht zum Einen, überrascht zum Anderen. Sehr eindrücklich sind die farbenfrohen, perfekt erhaltenen Wandteppiche aus französischer Manufaktur (Ateliers de la Marche, Ende 16. Jhdt). Sie zeigen auf einem Hintergrund von Blättern alle möglichen Tiere, einige davon real existierend, andere Fabelwesen wie Einhörner, Hydra. Enttäuschend ist die Ausstellung mit Bildern von Nazanin Pouyandeh. Ich kann mich nicht erinnern, je so naive, kitschige und gleichzeitig abstossende Bilder gesehen zu haben. Im Garten des Schlösschens wurde unter dem Namen „Le verger de deduit“ vorwiegend aus verschiedenen Kohlarten ein farbiger Garten angelegt. Das ist recht originell. Ich fahre nun weiter nach Salers, wo mich ein mittelalterliches Städtchen erwartet. Die Kirche ist ausserhalb der Stadtmauern. Auch diese Kirche scheint nachträglich mit gotischen Bögen versehen worden zu sein, da sie noch viele romanische Elemente aufweist. Durch den Beffroy gelange ich zur Place Tyssandier d'Escous, ein Schmückstück mittelalterlicher Baukunst. Ich laufe durch das Städtchen, dessen Teil innerhalb der Stadtmauern sehr klein ist. Zwei Tore sind noch erhalten, die Porte de la Martille und der Beffroy. Mein nächster Halt ist in Tournemire. Schon von weitem sieht man die Burg „Chateau d’Anjony“. Ich laufe durch das mittelalterliche Städtchen (während es zu regnen beginnt) und gelange zum Chateau d'Anjony. Ich habe Glück, in nur zehn Minuten findet die letzte Führung des Tages statt. Die Burg besteht aus vier Türmen, die mit einem quadratischen Gebäude verbunden sind. Leider darf man im Inneren keine Fotos machen. Das unterste Stockwerk ist der Aufenthaltsraum. Besonders daran ist, dass hinter dem Kamin zwei versteckte Klappen sind, mit denen man einen Ausguck öffnen kann. Die Kapelle enthält perfekt erhaltene Fresken aus dem 15. Jhdt. Der Heldensaal darüber ist vollständig mit farbigen Fresken ausgemalt. Schliesslich liegt darüber der Empfangssaal mit einer hohen Decke mit gotischen Rippen. Im obersten Stockwerk hausen die Soldaten in einfachsten Unterkünften und haben eine Galerie, von der sie jede Seite des Turmes einsehen und notfalls Pech herunterleeren können. Auf der Spitze des einen Rundturmes schliesslich sehen wir die nicht mehr ganz taufrischen Dachbalken. Alle anderen Rundtürme sind nicht über Treppen zu erreichen. Nun muss ich mich beeilen, dass ich noch rechtzeitig zu meiner Unterkunft komme, dem „Le Renaissance“ in Aurillac. Ich checke ein und fahre gleich nochmals los, um zu E. Leclerc zu fahren. Dort kaufe ich einen Vorrat Wasser (es war nach einem kalten Morgen doch noch heiss am Nachmittag) und einen Löffel, weil ich glaube, meine Gaffel verloren zu haben. Die Stadt führt ein Strassenmusikfest durch, was das Schlafen praktisch unmöglich machen wird. Deshalb wurde auch die Hauptstrasse gesperrt und ich muss mich wieder einmal nach dem Gutglück-Prinzip durch eine fremde Stadt mogeln. Und als ich zurückkomme und mich in meinem Zimmer einrichte, finde ich zu meiner allergrössten Freude nicht nur ein sehr schönes Zimmer mit Bad, sondern auch die unverzichtbare Gaffel wieder. Ich mache einen Rundgang durch die Stadt, durch den Square Vermenouze, wo auch eine Büste des Dichters steht (absolutes Hundeverbot, jedoch die Randständigen kümmert dies nicht). Farbige Regenschirme hängen über der Strasse, als Erinnerung dafür, dass Aurillac einmal die „Capitale Française du Parapluie“ war. Während ich das Tagebuch schreibe, dröhnt immer noch Bandmusik in mein Zimmer, und es ist schon fast Mitternacht.