06.07.2018 Bourg-Saint-Maurice-Finhaut (Schweiz)

  • Posted on: 6 July 2018
  • By: lenel

Es regnet bereits, als ich in Bourg-Saint-Maurice mein gemütliches Studio verlasse, weshalb ich gleich das Regenzeug anziehe. Anfangs ist es nur ein Nieselregen, doch schon beim Aufstieg wird aus dem Nieseln ein richtiger Regen. Vom wunderschönen Cormet de Roselend sehe ich leider wegen des Nebels – einmal sind es nur Schwaden, dann wieder dichter Nebel - und des Regens nur wenig. Auf der anderen Seite geht es über den Col du Méraillet (1605m), bei dem ich nicht einmal anhalte, zum schönen Lac de Roselend. Hier regnet es kaum, so dass ich anhalten und ein paar Fotos machen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass Wasser in das Handy eindringt. Ich gelange zum schmucken Städtchen Beaufort. Alle Dörfer sind bereits festlich für die morgige Tour-de-France geschmückt. Es gibt orange/gelbe Girlanden und Fähnchen. Dekorierte Velos sowie solche aus Stroh oder Draht säumen den Weg. Ich steige gleich wieder auf zum Col des Saisies (1650m). Erst ist der Aufstieg vielversprechend, doch dann nimmt der Regen zu und ich gelange zum mondänen Wintersportort Les Saisies (1650m), welcher die Passhöhe bedeckt. Mit einem Pass, wie ich es sonst kenne, hat das nichts zu tun. Der nächste Pass ist der Col des Aravis (1487m). Der Regen schlägt einem nur so ins Gesicht und ich versuche mir vorzustellen, wie schön die Landschaft wäre, würde es nicht dermassen regnen und hätte es etwas weniger Nebel. Auf der Passhöhe lege ich einen Halt ein, dann fahre ich weiter, um irgendwie aus dieser Dusche herauszukommen. Saint-Jean-de-Sixt ist (956m) einmal mehr nur eine Ortschaft auf einem Hügel. Beim Aufstieg zum Col de la Colombiere peitscht einem der Regen mit voller Wucht ins Gesicht. Viele Strassenarbeiten halten mich auf, denn die Strecke muss noch rasch für die morgige Tour-de-France bereitgemacht werden. Hoffentlich vergessen sie dann auch nicht, den Rollsplitt, der überall auf der Strasse liegt, wegzuwischen. Auf der Passhöhe des Col de la Colombiere (1613m) halte ich nur ganz kurz. Beim Abstieg halte ich in Romme (1300m). Hier ist der Regen nicht mehr so heftig. Wie alle Dörfer, die ich bis jetzt durchquert habe, ist auch dieses Dorf für die Tour-de-France vorbereitet. In Cluses, einer recht grossen Industriestadt, suche ich mir ein kleines Restaurant, wo ich für wenig Geld (eine Ausnahme in Frankreich) ein Mittagessen kriege. Der Regen hat jetzt aufgehört, doch wie ich nach Chatillon-sur-Cluses (742m) aufsteige, beginnt er wieder. Trotzdem halte ich ein paarmal an, weil man von hier aus eine schöne Aussicht auf Cluses hat, über dem sich die Nebelschwaden gelichtet haben. Schliesslich gelange ich zur Passhöhe – einmal mehr der höchste Punkt im Dorf – und muss hier umkehren. Damit ist meine Route des Grandes Alpes nämlich abgeschlossen. Würde ich noch bis zum Genfersee fahren, müsste ich danach einen riesigen Umweg nach Martigny machen. Und bei diesem Regen macht es auch keinen Spass. So versuche ich, mich auf Nebenstrassen bis nach Martigny durchzuschlagen. Dies funktioniert einwandfrei bis nach Chedde, wo auf einmal alle Hinweisschilder fehlen und ich wegen dem starken Regen das Navi nicht konsultiere. Ich gerate in ein Industriequartier, entdecke aber ein Open-Air-Museum mit technischem Gerät, bereits heftig überwuchert. Es gibt einen Generator, einen Kompressor, ein Turbinenrad und eine kleine elektrische Rangierlokomotive No. 2 von Oerlikon/SLM (1916). Nun muss ich das Navi doch hervornehmen und sehe, dass ich am falschen Dorfende angelangt bin. Ich durchquere das Dorf und kann bis Chamonix die gewaltige Autobahnbrücke benutzen, die einzige Verbindung zwischen den zwei Dörfern. Vom Mont Blanc sieht man wegen des Nebels überhaupt nichts. Ueber den Col de Montets (1461m), einmal mehr im strömenden Regen, gelange ich zur Grenze. Sie ist unbesetzt, so dass man nicht einmal anhalten muss. Auf der Schweizer Seite ist Le Chatelard-Frontiere, wo ich den Scooter vor dem Bahnhof fotografiere. Am Dorfende sehe ich bei einer Garage ein Schuppen mit Bildern von alten Autos. Ich halte an versuche, durch die stark spiegelnde Scheibe hineinzugucken. Tatsächlich stehen dort ein Renault Coupé (1924) (wohl eher ein Landaulet), ein Peugeot 202U Canadienne (1947), ein Peugeot 201 sowie mehrere ältere Honda-Motorräder. Als ich die tiefe Schlucht über eine Brücke Richtung Finhaut überquere, gerate ich auf trockenes Gebiet. Wegen einer Strassensperrung muss ich einen mehrere Kilometer langen Umweg machen, um ins Dorf zu kommen. Ich fahre zum Punkt, den mir Booking.com angegeben hat, aber ein „des Alpes“ ist nirgends zu sehen. Ein Herr rät mir, wieder ganz nach oben zu fahren. Tatsächlich ist meine Unterkunft, die richtig „Café des Alpes“ heisst, dort zu finden. Der Empfang ist brüsk: „Das Motorrad kann hier nicht stehenbleiben!“ wird mir ins Gesicht geschmettert. Ich lade es trotzdem ab und stelle es dann weg, was ich ja eh getan hätte. Mein Bett ist im Schlafsaal unter dem Dach, recht gemütlich und preiswert, ich bin wohl der einzige Gast. Aber wie geht es hier wohl im Winter zu, mit 16 Betten und nur einem WC und einer Dusche? Nun gehe ich etwas spazieren. Finhaut ist auf einem Felsvorsprung an einem sehr steilen Berghang gebaut. Ich laufe den ehemaligen Postkutschenpfad entlang und stelle mir vor, wie gefährlich das früher war. Wenn der Kutscher nur einen Fehler gemacht hat, landete man hunderte Meter weiter unten im Abgrund. Mein Abendessen esse ich auf einem Bänkli.