22.07.2021 L’Aquila

Bereits um acht Uhr morgens laufe ich in die Stadt, besuche die Chiesa di San Silvestro. Die innen weisse romanische Kirche hat ein Holzdach ohne Decke und in der Apsis blau gehaltene Malereien. Von der Porta Brinconia aus habe ich eine schöne Aussicht auf die Aussenquartiere nördlich der Altstadt. Die Chiesa della S.M. della Misericordia ist geschlossen. Ueberall hat es vom Erdbeben vom 6. April 2009 schwer beschädigte Gebäude. Die einen werden instand gesetzt, die anderen verkommen zu Ruinen. Mir fällt auf, dass diejenigen Gebäude, die schon vor dem Erdbeben mit Stahlstangen verstärkt waren, selten beschädigt sind. Oder wurden die Stahlstangen erst nach dem Erdbeben eingebaut? Ich gelange zur Piazza San Pietro Coppito, wo gerade drei Baukräne im Einsatz sind. Die Chiesa di San Domenico ist geschlossen, doch durch einen Spalt im Tor hindurch kann ich doch ein Foto des Innenraums machen. Es ist eine romanische Bauweise, mit quadratischen Säulen. Die Decke erscheint aber barock. Die Piazza Fonte Secco scheint beim Erdbeben einer der Brennpunkte gewesen zu sein, hier liegt alles in Trümmern. Viele Häuser sind aussen mit Stahlschienen eingeschient worden, damit die Wände nicht einstürzen. Schlimm getroffen hat es auch Monastero della Eucarestia, welches mit einem Baugerüst stabilisert worden ist. Viele Gassen sind wegen der Instandstellungsarbeiten gar nicht passierbar. Getroffen hat es vorwiegend sehr alte Häuser. Ich besuche das Oratorio San Giuseppe de Minimi, innen rund und mit einer Kuppel versehen. Auf der Piazza del Duomo die grosse Enttäuschung: Die Cattedrale dei Santi Massimo e Giorgio ist noch eine einzige Baustelle und nicht für Besucher geöffnet. Dafür ist die barocke Chiesa di Santa Maria dell’Suffragio offen. Ueber der Tür prangt ein Relief von Gevatter Tod. Innen runde Halbsäulen. Ich gelange zur Piazza San Marco, einmal mehr eine einzige Baustelle. Wie ich den Corso Vittorio Emanuele emporlaufe, gelange ich zur Fontana Luminosa, die am Tag natürlich nicht leuchtet. Gleich daneben ist das Touristenbüro, wo man mich geradedazu mit Hochglanzdrucken überschüttet. Dabei waren mir die Informationen, welche auf meinem Stadtplan eingetragen wurden, wesentlich nützlicher. Das Castello Cinquecentesco ist wegen Arbeiten geschlossen, doch immerhin kann ich um es herumlaufen. Ich gelange zur Piazza Chiarino, wo keine Schäden mehr zu sehen sind. Ich gelange zum beschädigten und mit Stahlgerüst stabilisierten Palazzo Baroncelli-Cappa di Tussio und weiter zur Piazza Palazzo, wo ein Denkmal für den Römer Gaius Salustio Crispo steht. Rundherum sind Baustellen. Ein 500 Meter langer Tunnel mit (mutmasslich aufgrund fehlender Touristen) stillgelegten Rollbändern führt mich von der Piazza del Duomo zum Busterminal. Von dort aus ist nicht mehr weit zur darüberliegenden Basilica di Collemaggio. Diese wurde beim Erdbeben schwerstens beschädigt, aber von Agip kostenlos wieder instandgestellt. Hier wird die Mumie von Papst Celestin V aufbewahrt. Nun laufe ich Richtung Parco delle acque. Ich komme vorbei am Convento e Chiesa di Santa Chiara, vor dem eine Mariensäule steht. Eine steile Strasse führt zur Fontana 99 Canelle (1272). Das offene Rechteck der Brunnenwand soll mit 99 Röhrchen versehen sein. Gegenüber steht die aussen und innen unscheinbare und schmucklose Chiesa di San Vito. An einem beschädigten Haus sieht man gut, wie diejenigen Häuser, welche bereits aus Erdbebenschutt gebaut worden waren, dem Beben von 2009 gar nichts entgegensetzen konnten. Sie wurden förmlich zerrissen. Weil ich schon hier bin, ziehe ich meinen für den Nachmittag geplanten Museumsbesuch vor und besuche das Museo Nazionale d’Abruzzo. Die Covid-19 Massnahmen werden hier sehr streng eingehalten und ich muss warten, bis ich in die Ausstellung eintreten kann. Das topmoderne Museum ist durchwegs mit sehr guten und hervorragend restaurierten Exponaten versehen. Alle Werke haben einen Bezug zu L’Aquila, meistens ist der Künstler ein Sohn der Stadt. Die Darstellung und Beleuchtung sind erstklassig. Besonders aufgefallen sind mir (die Liste ist lang, was die Qualität der Ausstellung bekräftigt): Bernardino di Coila de Merlo e Sbeastiona di Cola da Casenta, Madonna in trono con Bambino (~1487); Paolo Aquilano, Madonna in trono adorante (15. Jhdt); Silvestro di Giacomo di Paolo da Sulmona, San Sebastiano (1478); Leonardo di Sabino da Teramo, Madonna in Trono con il Bambino (15. Jhdt); Scultore abruzzese attive nel XIV secolo, San Giuseppe (14. Jhdt); San Giovanni da Capestrano (1480-85), Saturnino Gatti, Sant’Antonio Abate (1512) und Madonna con Bambino (1506); Giulio Cesare Bedeschini, San Pietro Celestino (1613), Mattia Preti, Martirio di San Bartolomeo; Scultore abruzzese, Madonna di Castelli (~1130); Gentile da Rocca, Madonna del latte (1283); Scultore abruzzese, Madonna in trono con Bambino (1250-1300). Nun muss ich den steilen Berg wieder herauflaufen. Noch einmal gelange ich zur Chiesa di San Domenico, zur baustellenmässigen Piazza Vincenzo Rivera und schliesslich erreiche ich die Basilica San Bernardino. Es ist schwer zu sagen, welche von beiden Kirchen die wichtigere ist: Die Basilica di Collemaggio oder die Basilica San Bernardino. Auf jeden Fall ist der Innenraum der Letzteren äusserst imposant. Die flache Decke ist mit einem enormen Goldornat verziert. Gelangt man vor den Altar, wird man von einer Kuppel überrascht, die den Raum vor dem Altar mit ihren Fenstern beleuchtet. In einer recht grossen Seitenkapelle befindet sich das Mausoleo di San Bernardino, wo die Mumie des Heiligen in einem Glassarg aufbewahrt wird. In einer weiteren Seitennische findet sich ein keramisches Relief, das mit seinen frischen Farben glänzt. Ich laufe noch etwas durch die weniger historischen Viertel. Von der Via San Jacopo aus hat man einen schönen Blick auf L’Aquila. Ich laufe noch bis zur Porta Bazzano, dann gehe ich ins Hostel zurück, lege mich für eine halbe Stunde hin und lese etwas und kaufe im Supermarkt das Abendessen ein. Nun will ich diejenigen Fotos machen, die ich wegen Gegenlichts noch nicht machen konnte. Ueber die Piazza Regina Margherita und die Piazza Duomo erreiche ich die Porta Bazzano, danach die Basilica di Collemaggio. Ich habe Glück: Just in dem Moment, wo ich davor stehe, scheint die Sonne durch die Wolken und beleuchtet die zweifarbige Fassade. Es droht Regen, weshalb ich mich sehr beeile. So gelange ich zum Palazzo dell’Emiciclo, wo ich erneut ein paar Sekunden Sonne erwische. Ein merkwürdiges Denkmal erinnert an die beim Erdbeben umgekommenen Studenten. Schliesslich erreiche ich die Fontana 99 Canelle an der Piazza San Vito nochmals, doch die Sonne ist nun definitiv weg, so dass die früheren Fotos fast besser waren. Auf dem Rückweg fällt mir noch die schwer beschädigte und wohl nicht mehr zum Wiederaufbau vorgesehene Chiesa di San Quinziano auf. Da ich noch ein wenig früh bin, klettere ich durch die Lücke in der Absperrung der Porta Branconia und laufe der Stadtmauer entlang. Hier ist ein schöner Weg mit Geländer fertig gebaut, aber nie in Betrieb genommen worden. Wie es eben so ist in Italien.

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