12.06.2019 Schytomyr

  • Posted on: 12 June 2019
  • By: lenel

Die Nacht war erstaunlich ruhig. Damit ich nicht gar zu früh auf die Strasse muss, lese ich noch etwas. Dann laufe ich zur (katholischen) St. Sofia Kathedrale. Leider findet gerade ein Gottesdienst statt, so dass ich nur kurz hineinschauen kann. Auch hier hat es ein Papst Johannes Paul II Denkmal vor der Kathedrale. Gleich daneben steht die orthodoxe Sviato-Khrestovozdvyzhenskyi Kathedrale, mit ihren Zwiebeltürmen. Sie ist noch nicht ganz fertig gebaut. Drinnen riecht es noch nach frischer Farbe. Ein paar Kästchen mit Reliquien sind geöffnet, offenbar klaut diese niemand. Nun laufe ich zum Gagarin Park, ganz unten am Fluss Teteriv. Es gibt allerlei typisch sowjetisches Gerät, in erwartungsgemäss verlottertem Zustand, wie ein Riesenrad, Karusselle etc. Schilder des Goethe-Instituts werben für das Deutschlernen. Verlotterte Springbrunnen sind seit Jahren nicht mehr mit Wasser gefüllt gewesen. Eine eigenartige Brücke mit Auslegern führt über den Teteriv, der schäumt und gärt, wohl wegen der vielen Abwässer. Neben einem ausgedienten russischen Verkehrsflugzeug steht ein fabrikneuer Abenteuerspielplatz für Kinder. Ich laufe nun Richtung Kosmonautenmuseum. Eine Gedenktafel erinnert an den Sohn der Stadt, Sviatoslav Richter, der berühmte Pianist. Die Feuerwehrstation hat einen eigenartigen Turm. Von einem Feuerwehrmuseum ist allerdings nichts mehr zu sehen. Ich besuche nun das Muzey Kosmonavtiki S.P. Korolova (Kosmonautenmuseum). Das steht hier, weil gegenüber an der Strasse S.P. Korolov wohnte, der Vater der russischen Raumfahrt. Es gibt viele 1:1 Modelle sowjetischer Raumkapseln, so eine unbemannte Luna 9 Mondsonde (1966), eine Sojuz-27 Raumkapsel (1978), eine weitere Sojuz Raumkapsel, eine echt gelaufene Vostok Raumkapsel, eine Vega-Venus-Landekapsel (1985). Die Raumkapseln sind alle sehr eng und wohl wenig komfortabel. Vor dem Museum steht eine Sergei Pavlovich Korolov Büste, gegenüber ist eine Gedenktafel an seinem ehemaligen Wohnhaus angebracht, das ich auch noch besuche. Die Möblierung ist grösstenteils noch original – er war vom System präferiert und lebte dementsprechend etwas angenehmer als andere. Bei „Marios“ esse ich eine Pizza zum Mittagessen. Es gib ja nur wenige Restaurants, da muss man nehmen, was man findet. Interessant ist, dass es praktisch überall drahtlose Klingeln für den Kellner an den Tischen hat. Das könnte man bei uns auch einführen. Ich laufe nun zum Markt (Rynok), wo ich Tomaten und Gurken für das Abendessen kaufe. Vorbei an verlassenen, bröckelnden Fabriken und an Plattenbauten, deren Fassaden zur Hälfte abgebröckelt sind laufe ich – in die falsche Richtung und muss mehrere Kilometer Umweg in Kauf nehmen, um zum Zhytomyrskyi oblasnyi kraieznavchyi muzei (Bezirksmuseum für Lokalgeschichte) zu kommen. Es ist eine wild zusammengewürfelte Ausstellung, die mich hier erwartet: Ein Raum mit Fotos und Texten, zwei Räume mit getrockneten Käfer und ausgestopften Tieren, dann im oberen Stock die Ueberraschung, die Kunstsammlung ist nämlich erstklassig und passt so gar nicht zum Rest: Gerolamo Bassano, Tizian, Paolo Veronese, Francesco Bassano, Jacopino Del Conte (Portrait von Michelangelo), Quintilio Corbellini (Marmorbüsten), Luca Giordano, Francesco Trevisani, Bartholomäus van der Helst (Porträt des Bürgermeisters), und mehrere Schweizer Maler, nämlich Adam Wolfgang Topfer (Genf 1766-1847), Pierre-Louis de la Rive (Genf 1753-1817, Sonnenuntergang und Berge), Jean-Michel Liotard (Genf 1702-1796, Portrait von Charlotte-Marie Fasi). Ein Raum ist der Antarktis-Station „Akademik Vernadsky“ gewidmet. Eigentlich müsste ich sie auf meiner Antarktis-Reise gesehen haben, aber ich erinnere mich nicht. Ein Raum mit Fotoverbot enthält eine Sonderausstellung über Japanische Kimonos. Im Gang hängt ein Kosakenteppich (1970s). Ich laufe noch zum Soborny Ploshchad mit seinem auch nicht mehr ganz einwandfrei funktionierenden Springbrunnen und zum Peremogy Ploshchad, wo ich zu meiner Genugtuung sehe, dass mein Töffli immer noch dort im Parking steht. Ich arbeite rund zwei Stunden fürs Büro. Zum Abendessen gibt es Tomaten, Gurken und Wurst.