22.06.2019 Mykolayiv-Odessa

  • Posted on: 22 June 2019
  • By: lenel

Etwas später als sonst fahre ich in Mykolayiv ab – schliesslich habe ich heute nicht so viele Kilometer wie sonst vor mir. Es ist wieder einmal schönstes Wetter und sehr heiss. In Myrne entschliesse ich mich, nach Otchakiv abzubiegen, nachdem mir der Hostelbesitzer von Mykolayiv so davon vorgeschwärmt hat. Die Strasse ist wieder einmal eine einzige Abfolge von Schläglöchern. Otchakiv stellt sich als wenig attraktives Städtchen, grau in grau, heraus. Der Zugang zum Ufer ist überall abgeblockt, entweder sind es Fabriken, Hafenanlagen oder Militär, die den Küstenbereich beanspruchen. Erst beim Akvapark finde ich eine Klippe aus Sand, wo ich den Scooter abstellen und auf das Schwarze Meer sehen kann. Ein wenig macht mir die Sache schon Sorgen, schliesslich könnte das Teil, auf dem ich und der Scooter stehe, jederzeit abbrechen und 50m in die Tiefe stürzen, denn es ist ja nur Sand. Und es gab ja auch ein Warnschild. Ich fahre noch zur Spitze der Halbinsel, wo es unbegreiflicherweise keine Fähre zur anderen Seite der Bucht gibt, obwohl der Grossteil der Besucher wohl aus Odessa kommt und es nur ein paar Meter sind bis zur anderen Seite. Hier ist ein richtiger Markt von Badeartikeln und Pension reiht sich an Pension. Auf beiden Seiten der schmalen Halbinsel baden die Leute. Ich fahre wieder ins Stadtzentrum zurück und besuche noch den Platz, wo früher die Leninstatue gestanden hat – sie ist nicht mehr da. Dafür gibt es unweit davon ein Denkmal für die gefallenen ukrainischen Soldaten. Auf dem Rückweg machen mir die Schlaglöcher besondere Sorgen, denn diese Strassenseite ist viel schlechter als die andere. Blödsinnigerweise gibt es eine Pappelallee, und im Schatten der Bäume kann man die Schlaglöcher nicht erkennen. So rassle ich zweimal voll in ein Schlagloch hinein. Ein Fasan fliegt direkt vor mir auf und streift mich fast. Bei der Abzweigung tanke ich nochmals auf. Von hier aus ist die Fahrt sehr rassig, denn die Strasse ist gut und die anderen fahren auch schnell. Entlang der der Strasse sieht man Reben und Olivenbäume. Bei Kobleve kommt man über einen Damm. Nach dem Damm stellt der Motor ab. Das ist mir noch nie passiert. Ich halte an, und tatsächlich haben die Schlaglöcher den Kerzenstecker abvibriert, ich muss ihn nur zurückstecken. Bei einer Raststation halte ich und esse ein sehr preiswertes, gutes und reichhaltiges Mittagessen. In Odessa muss ich, wohl wegen der rasanten Fahrt, noch einmal nachtanken. Beim Hineinfahren in die Stadt ertönen auf einmal Polizeisirenen und ein Konvoi von schweren Motorrädern kommt mir entgegen. Ich kann mir gerade noch verkneifen, mitzufahren. Bei der Hafeneinfahrt halte ich kurz an, um zu navigieren, als ein Betrunkener hergetorkelt kommt und mit mir einen Streit anfangen will. Ich fahre einfach davon. Die Pushkyna 34 finde ich problemlos, nur ist das Hostel gar nicht dort. Ich rufe an, und der Eigentümer verspricht, sofort herunterzukommen, was er auch augenblicklich tut. Er führt mich zu einem Eingang in der Troitska Strasse, einer Querstrasse der Pushkyna. Der Check-in ist problemlos, doch er besteht darauf, dass ich den Scooter auf einem überwachten Parkplatz abstelle, obwohl ich einen recht guten Abstellplatz gefunden habe. Zweimal fahre ich um den Block, ohne etwas zu finden. Er verspricht mir, mitzukommen, und es stellt sich heraus, dass hier in den Fiberglashäuschen auf der Strasse Parkwächter sind, die die auf der Strasse parkierten Autos – gegen Entgelt – Tag und Nacht bewachen. Der erste Parkwächter will nichts davon wissen, einen Roller zu bewachen. Der zweite macht das, aber gegen 100 Griwna für drei Tage. Das ist zwar umgerechnet nicht viel, aber für die Ukraine ein kleines Vermögen, ein Abriss, denn gewöhnlich kostet es 12 Griwna pro Tag. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als einzuwilligen. Im Supermarkt kaufe ich noch ein. Dann mache ich mich zu Fuss auf, das Stadtzentrum zu erkunden: Bahnhof, Kulikowe Pole, Luna Park, Taras-Schewtschenko-Park, Zentralstadion Chornomorets, Gretsky-Strasse (von deren Brücke aus man auf ein eigenartiges Quartier schauen kann, wo ein Luxusgebäude neben vergammelten Fabriken mit leeren Fensterhöhlen steht). Ich komme an der – offenbar nicht mehr benutzten - Brodsky Synagoge, ein eindrucksvolles Gebäude mit hohen Fenstern, vorbei und gelange zur Evreyskaya (Judenstrasse), in der sich auch noch eine funktionale Synagoge befindet. Schliesslich gelange ich zurück zum Hostel, wo ich mein Abendessen verzehre und das Tagebuch schreibe.