29.06.2019 Chmelnyzky-Stryi

  • Posted on: 29 June 2019
  • By: lenel

Einmal mehr stehe ich früh auf, da ich eine lange, schwierige Strecke vor mir habe. Aleksander steht extras wegen mir auch auf, damit er sich verabschieden kann. Wir machen noch ein paar Erinnerungsfotos. Ausgangs Chmelnyzky tanke ich auf. Der Morgen ist eiskalt und es weht ein heftiger Wind, schon fast ein Sturm. Schon bald muss ich anhalten und den Nierengürtel aus meinem Gepäck ausgraben. Doch es scheint die Sonne auf die zum Teil schon abgeernteten, doch meist noch voll im Korn stehenden Felder. Interessant ist, dass die orthodoxe Kirche mit Plakaten Werbung für eine Epifaniefeier macht. Bis Ternopil ist die Strasse grösstenteils gut, mit ein paar Schlaglochstrecken dazwischen. Doch der Grossteil ist neu gemacht und auf vielen Strecken sind die Schlaglöcher gefüllt worden. In Ternopil tanke ich nach und schmiere die Kette. Die recht grosse Stadt ist malerisch an einem kleinen See gelegen. Es gibt immer wieder Seen, an denen ich vorbeikomme, so auch in Teofilika. Die Strasse wird nun immer schlechter. Bei Shybalyn kommt die erste Strecke ohne Strassenbelag, dafür mit umso mehr Schlaglöchern. In Berezhany komme ich an einer grossen Solaranlage vorbei. Weil die direkte Strecke durchs Dorf gesperrt ist, muss ich einen weiten Umweg machen und sehe damit viele Aspekte dieses grossflächigen ländlichen Dorfes. Schöne Felder mit rotem Mohn, weissem Kerbel und violetten Blumen säumen die Naturstrassen, über die ich geführt werde. Die Strasse wird immer schlimmer. Um die Mittagszeit bin ich in Rogatyn. Ich will etwas in einem Supermarkt kaufen, doch die Auswahl ist so mies und vergammelt, dass ich verzichte und nur Wasser nehme. Nachtanken muss ich natürlich auch. In Knyagynychi schaue ich Fischern zu, wie sie ein üppig mit Fischen gefülltes Netz ans Ufer ziehen. Zahlreiche Fische schaffen es aber noch, aus dem Netz herauszuspringen. In Chodoriw halte ich bei einem Restaurant. Der Besitzer schaut aus dem Fenster und ist überglücklich, dass wenigstens ein Gast kommt. Ich bestelle Borsch, Fisch und Kartoffeln. Was kommt, ist ausgezeichnet, alles hausgemacht und enorm günstig. Als ich ihm ein Trinkgeld gebe, freut er sich wie ein Kind. Bei der Weiterfahrt muss ich wegen einem Leichenzug warten. Kurz darauf muss ich einen gewaltigen Umweg über Rosdil machen, weil die Strasse gesperrt ist. Die „Strasse“ ist eigentlich nur noch eine Abfolge von Schlaglöchern, der Belag fehlt schon seit langem. Besonders schlimm ist es in Lopushnya und in Rogatyna. Erst um halb vier Uhr komme ich in Stryi an. Ich fahre zu meiner Unterkunft, dem „Gostovyi Dim“, das am Stadtrand gelegen ist, checke ein und fahre gleich wieder in die Stadt, wo ich den Scooter abstelle. Auf einem grossen Platz steht das Denkmal für die drei Lyriker der Ukraine, Taras Shevchenko, Ivan Franko und Lesya Ukrainka, welche alle drei als Statuen verewigt worden sind. Ich laufe die Vyacheslava Chornovola Strasse zum Bahnhof hinauf, dann wieder hinunter. Eine Zigeunerfamilie lebt im parkähnlichen Mittelstreifen. Ich überquere die Shevchenko-Strasse und gelange zur polnisch-katholischen Kirche Sanktuari Materi, danach zum Hauptplatz der Stadt, dem Maydan Rynok. In der Nähe ist die Maria-Himmelfahrt-Kirche. Als Mahnung an den Krieg von 2013 sind Kriegsüberbleibsel der Gefallenen ausgestellt. Unweit des Marktplatzes ist der Zentralmarkt gelegen, wo ich Tomaten, Gurken und ein grosses Stück Wurst kaufe. Da ich zeitlich nicht mehr dazu komme, Kleider zu waschen, kaufe ich in einem der zahlreichen Second-Hand-Kleiderläden, die spottbillig nach Kilo verkaufen, ein Adidas-T-Shirt mit einem Aufdruck aus Kerzers, Schweiz. Beim Weiterlaufen fällt mir noch die Burgartige Feuerwehrstation auf. Der Administrationspalast (1823) benötigte dringend eine Sanierung, er steht vor dem Einsturz. Dunkle Wolken stehen am Himmel. Ich fahre deshalb zurück in meine Unterkunft, doch es regnet nicht.